Mental Health in der Heilmittelbranche

Inhaltsverzeichnis

Selbstwert und Selbstausbeutung.

Alles nicht so wild?

“Sie lassen damit Ihre Patienten im Stich!”

Ein Satz, der mir noch nachhallt aus meiner Zeit als Logopäde in einer logopädischen Praxis. Meine Entscheidung stand jedoch fest. Ich sah es nicht mehr ein, für einen Bruttomonatslohn von 1700 Euro, vierzig Stunden parat zu stehen. Doch das schlechte Gewissen drückte mich zu dem Zeitpunkt sehr.

“Ich kann leider erst Freitag ab 15 Uhr und ich habe schon überall gefragt, ich brauche diese Behandlung sehr dringend und kann einfach nicht zu anderen Zeiten.”

Ich sagte: “Ja nagut, lassen Sie uns dann gern später nach einem anderen Wochentag schauen und ich nehme Sie erstmal auf.” (Schließlich geht es ja nur darum, ob ich ein früheres Wochenende habe oder nicht.)

“Könnte ich einfach ihre private Nummer haben? Dann können wir doch viel einfacher in Kontakt bleiben”

Natürlich habe ich sie gegeben und dann Nachrichten mit der Frage nach Terminverschiebungen am Samstagabend gelesen.

Alles nicht so wild oder?

Dann hat man halt mal später Wochenende, ignoriert halt die Terminverschiebung und beantwortet sie Montags. Keiner wird gezwungen zu einem Ausbeuterlohn zu arbeiten und ist es nicht eine Ehre, wenn man bei einer Konferenz um Rat gefragt wird? Ich möchte ja ein guter Logopäde sein. Ich möchte ein guter Arbeitnehmer sein und ich möchte zeigen, dass ich was drauf habe!

Häufig habe ich in Bewerbungsgesprächen von Arbeitsbedingungen in der Logopädie gehört, die unterirdisch waren. Teilweise im Sinne einer Scheinselbstständigkeit, wurde das komplette unternehmerische Risiko auf die Therapeuten abgewälzt. Minusstunden, Akkordarbeit, Lohnkürzung und Abzug bei Regress durch die Krankenkasse, aufgrund von Formalitäten auf der Verordnung.

“Gerne würde ich euch mehr zahlen, wenn es doch wirtschaftlich möglich sei!”

“Na klar, jetzt soll dir jemand noch die Termine eintragen? So schwer ist das ja wohl nicht!”

und irgendwann beginnt man das zu glauben.

Irgendwann sagt man sich, dass es wahrscheinlich so ist.

Langsam beginnst du deine Therapien anzupassen. Sie werden einfacher, Brettspiellastiger, uniformer und zum Abend hin verschwimmen die Gesichter der Menschen, die sich Zeit genommen haben zu dir zu fahren und die ihre Hoffnung in dein Geschick stecken, ihnen in Ihrer Einschränkung der Teilhabe unter die Arme zu greifen. Langsam musst du dir eingestehen, du bist wohl nicht der beste Logopäde, du bist einer von vielen und so richtig Spaß macht der Job auch nicht. Wieso fährt deine Chefin eigentlich mit dem Mercedes zur Praxis und warum fragst du dich gerade ob du dir das Deutschlandticket wirklich leisten willst?

Ich bin es...

Um einer Selbstausbeutung entgegentreten zu können, müssen wir zunächst erkennen, wie wir sind. Du kannst ja mal versuchen wie in einer Rollenspielmanier dir ein paar Sterne zu vergeben. Vielleicht öffnen sich dir hierdurch noch einmal neue Erkenntnisse über dich! Hier ein kleiner Einblick in mein Selbstkonzept:

Was siehst du im Spiegel?

Ein Mann mit Bart. Er hat mittellange Haare. Er ist mittelgroß und trägt einen Pullover und ein Hemd sowie eine Jeans. Er ist korpulent. Er hat ein paar leichte Pickel im Gesicht. Er ist mittelgroß. Er hat eine große Nase und große Ohrläppchen.

Was hörst du öfter über dich?

Ich bin sehr begeisterungsfähig, es fällt mir schwer eine Sache bis zum Ende durchzuziehen, ohne die Motivation zu verlieren, ich kann sehr gut singen und ich kann sehr gut zuhören, ich bin unorganisiert, ich rede manchmal schneller als ich denke

Versuchen wir daraus einen Eigencharakter zu entwickeln.

Überlege dir gern deine ganz eigenen Beschreibungen. Wichtig ist, erstmal das eigene ich wahrzunehmen und zu konkretisieren. Mir hilft es sehr mir das Selbstkonzept wie einen wertungsfreien Charaktereditor vorzustellen. Der erstmal alles gespeichert hat, was es so über mich gibt. Vielleicht habe ich aber auch zu viel Skyrim gezockt in meiner Jugend. ( 😉 )

Lass uns hier nochmal eines der Bilder herausnehmen. Denn wenn es um das Thema Persönlichkeit geht, stecken da oft Werte drin die aufzeigen, was wir gerne wären und weniger das was wir tatsächlich sind. Ich habe es als ein Spektrum zwischen zwei Polen gestaltet.

Der Strich zeigt wo ich gerade bin (oder der Big Five das meint: https://bigfive-test.com/de), der Pfeil zeigt an wo ich gern wäre. Der Pfeil visualisiert mir wie weit die Strecke für mich ist. Bei Instagram findest du einen leeres Diagramm. Du kannst es selbst ausfüllen und wenn du Lust hast, ja auch mal Freunde und Kollegen ausfüllen lassen. Denn natürlich kennen wir nich unsere eigene objektive Wahrheit, sondern

…mir Wert.

Wenn wir nun unser eigenes Ich kennen, ist das noch nicht das Ende der Fahnenstange. Wir haben ja auch eine Meinung dazu. Insbesondere aus dem Persönlichkeitsdiagramm kommt das schon raus. Aber natürlich geht es auch weiter mit Äußerlichkeiten, Haaren, Körperbau, Zähnen etc. Es ist eben keine leichte Aufgabe sich selbst zu Werten. Wenn das Selbstkonzept die objektive Beschreibung von uns ist, so ist der Selbstwert viel mehr die affektive Komponente – kurz mag ich’s? oder nicht? Bin ich’s oder nicht?

Die Grundlage für den Selbstwert legen insbesondere unsere Eltern. Wenn wir hier eine sichere Bindung erfahren, sie als Person Bedeutung erfahren und sich frei öffnen und selbstständig explorieren dürfen, dann legt das den Grundstein

In der Schule erfahren wir dann insbesondere durch Lehrer und Mitschüler in sozialen Vergleichen, durch Noten und Gruppenzugehörigkeiten, was wir können und was nicht, wo wir stehen und wo nicht.

(Auch: “Ich kann kein Mathe.”)

Die Jugend ist geprägt von Vergleichen, ob nun hinsichtlich der äußeren Erscheinung, den Fähigkeiten, dem Status in der Schule. (im Sinne einer Kleingesellschaft) Der Körper entwickelt sich, die Abnabelung vom Elternhaus und die Hinwendung zu Freunden und Vorbildern.

Auch hormonelle Umstellungen und das Infragestellen der gegebenen Strukturen führen in ihrer Gesamtheit zu einer Neubewertung einer Vielzahl von Merkmalen.

Das Selbstkonzept verändert sich, der Selbstwert eben auch.

Ich bin es...

Im jungen Erwachsenenalter stabilisieren sich die ganzen aufs und abs der Jugend. Es kristalliert sich ein konsistentes Selbstkonzept heraus. Wir wissen was wir wollen und was nicht, können Lebensziele klarer erkennen und benennen und gehen verbindliche Beziehungen ein.

Ein wichtiger neuer Punkt integriert sich. Wir studieren, machen eine Ausbildung oder gehen einem Beruf nach. Auch dieser wird in unserem Selbstkonzept verankert und führt in unserem Selbstwert verankert. Die Intensität ist hierbei individuell.

Wenn du an den Text vom Anfang denkst, kannst du dir vorstellen, was ein solcher Pfad aus Überforderung und Überarbeitung ,vielleicht kommt Schuld hinzu – deine Arbeitsweise lässt sich vielleicht nicht mehr mit deinen Werten und dem Konzept deiner Selbst übereinbringen.

Im weiteren Verlauf können kritische Lebensereignisse, wie Trennungen, Kündigungen oder Todesereignisse, sowie hormonelle Umstellungen mit dem Beginn der Wechseljahre und die weltbekannten Krisen, welche uns unsere Vergänglichkeit und eine Revision unserer bisherigen Lebensleistung klar werden lassen unser Selbstwert immer mal wieder ganz gut ins schwanken bringen. Mit dem Eintritt ins Alter müssen wir uns schlussendlich mit dem Verlust von Beruf, Freunden, Familienmitgliedern und der körperlichen sowie geistigen Verfassung auseinandersetzen, was häufig mit einem Verlust der Autonomie einhergeht


Ihr seht schon, dass ich mich hier insbesondere auf das junge Erwachsenenalter stürze. (keine Angst ich gehöre mittlerweile gar nicht mehr dazu 😄) Denn was macht es mit dem Selbstwert, wenn man in einen Beruf geworfen wird, der viel emotionale und körperliche Hinwendung, kognitive Belastung und Zeitdruck, bei geringem Gehalt und kaum Karrieremöglichkeiten kommt? Wenn man sich nicht dazu entscheiden sollte den Beruf dann zu quittieren, dann passt man sich an. Füllt die Rolle aus und internalisiert im schlimmsten Fall die subtilen Erwartungen die durch aufgezeigte Arbeitsbedingungen auf das Selbst gelegt werden.

Die Ausbeutung des eigenen Selbst ist kein verzeihliches Maleur, es internalisiert und bedroht dein Ich.

Was können wir tun?
Ich glaube, es braucht ein klares Umdenken unserer therapeutischen Rolle. Du bist nicht „nur“ Therapeut*in. Du bist eine hochqualifizierte Fachperson, und du hast ein Recht auf faire Bezahlung, sichere Arbeitsbedingungen und berufliche Entwicklung.

Ein guter Arbeitgeber schafft Räume, in denen du wachsen kannst — nicht nur fachlich, sondern auch persönlich. Rollenvielfalt, Verantwortung, Supervision, Fortbildung, Autonomie, Mitsprache: all das sind keine „Extras“, sondern Grundlagen professioneller therapeutischer Arbeit.

Und bei aller Akademisierung, Professionalisierung und Bürokratisierung der letzten Jahre darf eines niemals verloren gehen:


Die eigentliche Wirkung, die echte Veränderung, die Hoffnung, die Hilfe — sie entsteht nur dort, wo Therapeut*in und Patient*in einander begegnen.

Der therapeutische Nutzen entsteht bei dir.
Und genau deswegen brauchst du Rahmenbedingungen, die dich schützen — nicht ausnutzen und ja, für die wir bei Palabra stehen und jeden Tag kämpfen.

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